„Warum sollten wir keine unverzichtbaren Partner bleiben?“

Print-Frau Martina Brakemeier über die digitale Zukunft der Druckbranche

Das Printgeschäft in Deutschland ist schwierig. Aber sehr häufig treffen wir auf Druckereimanager:innen, denen um die Zukunft ihres eigenen Unternehmens überhaupt nicht bange ist. Sie bewirtschaften komfortable Spezialmärkte oder haben Kundenpotenzial, Produktionsprozesse, Maschinenpark, Personal und Investitionsplanung in eine optimale Balance gebracht, auf deren Basis sie flexibel und gelassen agieren können.

So gelassen spricht auch Print-Frau Martina Brakemeier, Eigentümerin der Druckerei Gieselmann Medienhaus. Dabei war ihre Laufbahn in diese Position nicht durch ein unternehmerisches Erbe vorgezeichnet. Auch ihr Frausein stand ihr nicht im Weg, was sie nicht daran hindert, sich in Frauennetzwerken zu engagieren.

In der Serie „Print-Frauen“ befragen wir weibliche Führungskräfte aus der Druckbranche zu ihren Ansichten zu ihrer Industrie und zu deren Innovationskraft. Lesen Sie auch die Interviews mit Isabelle Roß (Rossimedia), Sylvia Emilia Rost Vargas (WOWI Druckkultur), Janneke Klasen (Hans Schmidt Werbeverpackungen), Carolin Stäudle (Stäudle GmbH, Öhringen), Ute Brüne (OFFSET COMPANY Druckereigesellschaft) und Petra Krenn (Unternehmensgruppe O/D, Ottweiler/Saarland).


jumping-arrow-white

Published: 30.9.2026  | Photo & Video: Gieselmann Medienhaus.

Dabei war ihre Laufbahn in diese Position nicht durch ein unternehmerisches Erbe vorgezeichnet. Auch ihr Frausein stand ihr nicht im Weg, was sie nicht daran hindert, sich in Frauennetzwerken zu engagieren.

In der Serie „Print-Frauen“ befragen wir weibliche Führungskräfte aus der Druckbranche zu ihren Ansichten zu ihrer Industrie und zu deren Innovationskraft. Lesen Sie auch die Interviews mit Isabelle Roß (Rossimedia), Sylvia Emilia Rost Vargas (WOWI Druckkultur), Janneke Klasen (Hans Schmidt Werbeverpackungen), Carolin Stäudle (Stäudle GmbH, Öhringen), Ute Brüne (OFFSET COMPANY Druckereigesellschaft) und Petra Krenn (Unternehmensgruppe O/D, Ottweiler/Saarland).

Wenn Sie Ihren Weg in Ihre heutige Führungsposition in einer einzigen Begebenheit oder Beobachtung verdichten müssten: Welche Szene fällt Ihnen ein?

Da gab es keine große Szene. Ich habe einfach losgelegt. Ursprünglich habe ich freiberuflich für Reprofirmen gearbeitet. Dann habe ich mich in eine neue, moderne Technik verliebt, und los ging es:

Firma gründen, Entscheidungen treffen.

Warum Durchsetzung nichts mit weiblich/männlich zu tun hat

Sie führen ein Unternehmen in einer Branche, deren Führungspersonal, Sprache und Netzwerke lange männlich geprägt waren. Wo spüren Sie diese Prägung im Alltag noch konkret?

Die Druckindustrie ist stark männlich geprägt. Ich habe das aber selten als persönliche Begrenzung empfunden. Fachwissen ist ein erstaunlich guter Türöffner.

Hat sich Ihr Blick auf Führung dadurch verändert, dass Sie sich in einer klassischen Männerdomäne durchsetzen mussten?

Ich würde gar nicht sagen, dass ich mich „als Frau“ durchsetzen musste. Ich musste mich als Unternehmerin durchsetzen – gegen Wettbewerb und wirtschaftliche Veränderungen. Ich halte wenig davon, männliche und weibliche Führung gegeneinanderzustellen.

Welche Ratschläge würden Sie jungen Frauen geben, die heute eine leitende Position in der Druckindustrie anstreben?

Egal in welcher Branche: begeistert sein, Technik lernen, Zahlen lernen. Auf niemanden warten, der einen bestätigt – einfach machen. Autorität entsteht durch Kompetenz, nicht durch Geschlechtszugehörigkeit.

Wenn Printbuyer nichts mehr von Print verstehen, bringt das Chancen

Viele Brands haben viel Geld in digitale Kampagnen investiert. Welche Rolle kann Print in der Markenführung spielen? Wo sehen Sie Best Cases?

Gerade weil Kommunikation immer digitaler wird, bekommt Print eine neue Stärke. Alle sind genervt vom Scrollen und personalisierter Seitenrandwerbung.

Wie überzeugen Sie eine Marketingleitung davon, dass Veredelung, Haptik und Materialwahl nicht nur auf die Ästhetik einzahlen, sondern messbar auf Markenwahrnehmung und Kundenerlebnis?

Mit einem Muster. Gib jemandem zwei identische Motive mit unterschiedlichen Veredelungen in die Hand und die Diskussion verändert sich. Veredelung darf aber kein Selbstzweck sein. Ein durchdachtes Produkt kommt auch ohne Veredelung aus. Ich muss niemanden von Veredelung überzeugen.

In vielen Marketingabteilungen erodiert das Print-Know-how. Wie können Druckdienstleister die Lücke füllen und wie verändert das Ihr Geschäftsmodell?

Wir waren schon immer Berater und oft hatten wir es auf Kundenseite mit Praktikanten, frisch Studierten und Hospitanten zu tun. Umgesetzt haben wir mit einzelnen Produktionern, unseren Außendienstlern oder unseren Sachbearbeitern. Dazu haben wir die „Frischlinge“ weitergebildet, und wenn sie’s halbwegs wussten, war ein Jahr um, der Praktikant weg und wir haben von vorne angefangen. Heute gibt es kaum mehr Produktioner oder gar ein Lektorat. Da vieles nur 08/15 gemacht wird, reicht das im Allgemeinen. Aber anspruchsvolle Kunden und Agenturen suchen und finden nicht nur bei uns Fachkompetenz. Das sieht man deren Printsachen auch an.

Ich glaube, mein Geschäftsmodell war in diesem Bereich immer gleich: Umfassend beraten und unterstützen, wo es gewünscht und nötig ist.

Digitalisierung hat weniger mit Maschinen zu tun, als manche denken

Was sind aus Ihrer Sicht die größten Fallstricke bei der digitalen Transformation, besonders in einer kapital- und maschinenintensiven Branche wie der Druckindustrie?

Digitalisierung wird häufig mit dem Kauf einer digitalen Maschine verwechselt. Wenn Datenhandling, Vertrieb und Produktion weiterhin nach alten Mustern funktionieren, steht lediglich eine moderne Maschine in einem alten Prozess.

Wie gelingt es Ihnen, technologische Innovationen und wirtschaftliche Prozesse so zu verzahnen, dass daraus echte Wettbewerbsvorteile für Ihr Unternehmen entstehen?

Ich schaue bei Technik immer zuerst darauf, welchen Prozess sie verändert: Macht diese Software nur Arbeit zum Selbstzweck, oder verkürze ich damit einen Schritt? Kann ich kleinere Auflagen noch wirtschaftlicher in hoher Qualität produzieren? Brauche ich weniger Mitarbeiter durch mehr Automatisierung oder Vereinfachung? Wie kann ich Makulatur reduzieren? Wodurch werden Arbeitsschritte eingespart? Kann ich Materialien bedrucken, die vorher problematisch waren? Welche Maschinen ergänzen oder füllen eine Lücke im Haus?

 Den Kunden im Fokus, wird die Zukunft gut

Wenn Sie auf die kommenden Jahre blicken: Welche Fähigkeiten werden Druckunternehmen brauchen, um für Marken wirklich unverzichtbare Partner zu bleiben?

Warum sollten wir keine unverzichtbaren Partner bleiben? Die Druckerei der Gegenwart ist und war Problemlöser und Ideengeber. Ich finde, hier hat sich bei uns nicht viel verändert. Nur weil manche große, sehr konservative Betriebe und sogenannte Berater das als neue Erkenntnis verkaufen, ist das alles gar nicht neu.

Was die Druckerei der Zukunft betrifft, darüber grüble ich dauernd nach. Es bleibt ein Spagat, denn Kunden sind Menschen wie Du und ich und nicht zwingend innovativ. Viele brauchen die Zuverlässigkeit, dass wir ihre Daten von Version X gesichert auf dem Server und das alte Farbmuster in der Auftragstasche haben. Oder das, was Frau Müller immer bestellt hat, die jetzt nicht mehr da ist. Dass dahinter eine riesige Datenbank und strukturierte Abläufe liegen, interessiert den Kunden nicht.

Die Druckindustrie hat sich ständig weiterentwickelt, was Technik, Effizienz und Umweltschutz angeht.

Was rauskommt, ist am Ende aber immer noch ein buntes Blatt Papier, mit dem ein Kunde einen Kunden wirbt oder informiert.

Wir können auf Möglichkeiten hinweisen, zum Beispiel:

  • Bei diesem Produkt kann man eine Cellophanierung sparen, weil es bereits kratzfest ist.

  • Man sollte nicht eine Million gleiche Flyer drucken, sondern besser regional und personalisiert.

  • Mit einer Augmented-Reality-Kombination könnten Sie Folgendes erreichen.

  • Durch dies und das könnten Sie die Online-Kontakte vervielfachen u. s. w.

So bieten wir die heutigen technischen Möglichkeiten an, ohne den Kunden mit Technik zu langweilen.

Den Kunden interessiert nicht, ob wir auf einem Tiegel, einer Bobst-Stanze, einem Laser, einer rotativen Stanze oder gar auf einem Schneidplotter produzieren. Ebenso ist es bei Druckmaschinen, wozu sollte das den Kunden interessieren? Wichtig sind auch hier nur das Ergebnis und die Wirkung.

Ebenso interessiert ihn nicht, ob ich seine E-Rechnung in Word und Excel erstelle oder ein ERP-System nutze.

Kunden brauchen ein Ergebnis und nicht den Weg dahin.

CD-RedID1807_BrakemeierMartina_Interview-Print-Frauen_HSh (1)

Martina Brakemeier (LinkedIn) ist geschäftsführende Inhaberin der Gieselmann Medienhaus GmbH, einer, wie sie sagt, „sehr modernen Druckerei im Raum Berlin“, und seit vielen Jahren in der Printbranche tätig. Ihre Schwerpunkte liegen in den Bereichen Drucktechnologie, Farbmanagement, Unternehmensführung, Vertrieb und Marketing. Dabei verbindet sie fundiertes Produktionswissen mit einem ausgeprägten Interesse an neuen Technologien und digitalen Geschäftsmodellen. Sie beschäftigt sich intensiv mit der Weiterentwicklung der Druckbranche, modernen Produktionsprozessen und der Frage, wie Print auch künftig wirtschaftlich und wirkungsvoll eingesetzt werden kann. Sie engagiert sich in verschiedenen Unternehmerinnen- und Frauennetzwerken und setzt sich für Sichtbarkeit, Vernetzung und gegenseitige Unterstützung von Frauen in Wirtschaft und Industrie ein. Auch in der Druckbranche hat sie ein enges Netzwerk für Kooperation und Weiterentwicklung. Gemeinsam mit Dr. Roman Fessler hat sie zwei Praxishandbücher zum Einsatz von ChatGPT und Copilot veröffentlicht. Martina Brakemeier über sich selbst: „Ich sehe mich nicht in der Rolle als Frau, die sich ständig gegen Männer durchsetzen musste. Mich treiben eher fachliche Kompetenz, Unternehmertum, Technologiebegeisterung, Eigenständigkeit und ein pragmatischer Blick auf Führung und Print.“

Warum sollten wir keine unverzichtbaren Partner bleiben?“