„Wir machen Marken und Botschaften sichtbar“
Print-Frau Sylvia Emilia Rost Vargas über die digitale Zukunft der Branche
Published 30.4.2026 | Foto/Video: KI-generiert, Freepik
Seit 40 Jahren erlebt Sylvia Emilia Rost Vargas den Wandel der Druckbranche hautnah – von der klassischen Lithografie bis zur hochmodernen Digitalmanufaktur. In einer Ära, in der physischer Druck und digitale Erlebniswelten zunehmend verschmelzen, nimmt die Unternehmerin Stellung zu den drängenden Fragen der Branche.Es geht um weit mehr als nur um Farbe auf Papier; im Fokus stehen die strategische Verzahnung von KI, automatisierten Prozessen und der Erhalt handwerklicher Exzellenz. Doch wie navigiert man ein traditionsreiches Unternehmen sicher durch die Fallstricke der digitalen Transformation, ohne dabei den Blick für den echten Kundennutzen zu verlieren? Sylvia Emilia Rost Vargas verrät im Interview, warum Erfolg heute vor allem eine Frage der richtigen Balance ist – und welcher entscheidende Faktor den Unterschied zwischen bloßer Effizienz und wahrer Druckkultur macht.
Welche Rolle spielt visuelle Kommunikation heute für den Erfolg Ihres Betriebs – über das eigentliche Druckprodukt hinaus, bis hin zu Service, Beratung und Inszenierung?
Visuelle Kommunikation spielt für unseren Erfolg heute eine zentrale Rolle, weil wir nicht nur ein Druckprodukt liefern, sondern Marken und Botschaften sichtbar machen. Entscheidend ist dabei das Zusammenspiel aus Beratung, Gestaltung, Service und hochwertiger Umsetzung: Wir begleiten unsere Kunden von der ersten Idee bis zur fertigen Inszenierung und sorgen dafür, dass das Ergebnis nicht nur technisch überzeugt, sondern auch wirkt und im Gedächtnis bleibt.
Erfolgsfaktor Visuelle Kommunikation
Welche Entwicklungen oder Lösungen aus diesem Umfeld haben Ihre Sicht auf Möglichkeiten von Druck und visueller Kommunikation nachhaltig verändert – auch mit Blick auf neue Geschäftsfelder?
Nachhaltig verändert hat unseren Blick vor allem die Entwicklung hin zu digitalen, vernetzten und interaktiven Lösungen. Wir denken Druck heute nicht mehr isoliert, sondern als Teil einer ganzheitlichen Kommunikations- und Markenstrategie. Besonders prägenden Einfluss hatten digitale Workflows, Personalisierung, Augmented Reality und die Verbindung von Print mit Online-Kanälen oder POS-Anwendungen. Genau diese Verschmelzung von physischem Druck und digitaler Erlebniswelt eröffnet uns neue Geschäftsfelder – etwa in kreativen, interaktiven Inszenierungen, die über das klassische Produkt hinausgehen.
Investieren – aber richtig!
Wie weit ist die Digitalisierung Ihrer Kernprozesse heute vorangeschritten und wie schätzen Sie Ihre Position im Vergleich zum Branchendurchschnitt ein?
Die Digitalisierung unserer Kernprozesse ist bei uns weit fortgeschritten. Wir arbeiten seit mehr als 25 Jahren mit Digitaldruck und haben uns vom klassischen vollstufigen Lithobetrieb zu einem modernen, technisch breit aufgestellten Drucker entwickelt. In diesem Prozess sind wir jedoch eher eine Druckmanufaktur als ein Massenproduzent geblieben. Einerseits sind wir digital unterwegs – von der Auftragsannahme über die Datenaufbereitung bis zur Produktion nutzen wir digitalisierte Workflows, um schneller, flexibler und effizienter zu arbeiten. Andererseits setzen wir stark auf individuelle, maßgeschneiderte Komplettlösungen, die einen hohen Kundennutzen bieten. Für uns ist Digitalisierung kein Selbstzweck, sondern ein Werkzeug, um unsere Rolle als lösungsorientierte Druckmanufaktur zu stärken und unseren Kunden genau die Kombination aus Technik, Kreativität und Service zu bieten, die sie brauchen.
Welche konkreten, messbaren Wettbewerbsvorteile haben Ihre bisherigen Investitionen in die Digitalisierung erbracht – oder dominieren bislang eher Erwartungen und strategische Ziele gegenüber greifbaren Ergebnissen?
Unsere bisherigen Investitionen in die Digitalisierung haben uns einige messbare Vorteile gebracht, z. B. etwas schnellere Prozesse, weniger manuelle Eingriffe und eine bessere Handhabung kleinerer und individuellerer Aufträge. Wir haben also konkrete Verbesserungen bei Effizienz und Flexibilität, auch wenn sie nicht immer spektakulär sichtbar sind. Gleichzeitig stehen für uns auch weiterhin strategische Ziele im Vordergrund – etwa ein noch stärker vernetzter Workflow und eine noch engere Anbindung an die Bedürfnisse unserer Kunden.
Durch KI-gestützte Auftragsplanung können Druckereien ihre Makulatur um bis zu 30 % senken. Welche Ihrer Digitalisierungsprojekte zeigen ähnlich starke Resultate und in welchen Bereichen besteht noch Nachholbedarf?
Mit Hilfe der Digitalisierung und auch durch den gezielten Einsatz von Instrumenten wie KI können wir unsere Vertriebswege stärker unterstützen, online präsenter werden und gezielter auf die Bedürfnisse unserer Zielgruppen eingehen.
Fallstricke bei der digitalen Transformation
Was sind aus Ihrer Sicht die größten Fallstricke bei der digitalen Transformation – insbesondere in einer kapital- und maschinenintensiven Branche wie der Druckindustrie?
Aus meiner Sicht sind die größten Fallstricke bei der digitalen Transformation vor allem die schnelle Entwicklung und die Unsicherheit, wie sich Programme, Maschinen und Prozesse langfristig entwickeln werden. In einer kapital- und maschinenintensiven Branche wie der Druckindustrie ist es besonders schwierig, die richtige Balance zwischen Investitionen in neue Technologien und der Sicherheit zu finden, dass diese nicht schon kurz danach überholt sind. Daneben spielen auch die Anpassung der Organisation, des Know-hows und der Arbeitsweisen eine große Rolle: Wenn Strategie, Technik und Mitarbeitende nicht gut zusammenpassen, kann sogar eine scheinbar moderne Infrastruktur zu Fehlinvestitionen führen.
Management in Umbruchzeiten
Wie verändert die Digitalisierung die Rolle der Geschäftsführung in der Druckbranche – und wie gehen Sie persönlich mit diesem Wandel um, z. B. in puncto strategische Planung, Technologiekompetenz oder Kulturwandel im Unternehmen?
Die Digitalisierung verändert die Rolle der Geschäftsführung in der Druckbranche: Wir werden weniger reine Produktions- und Finanzentscheider, sondern zunehmend Gestalter von Prozess-, Technologie- und Kulturwandel. Strategisch ist entscheidend, Technologien gezielt dort einzusetzen, wo sie echten Mehrwert für Kunden und Mitarbeitende bringen – und nicht nur, weil sie neu sind.
Für mich persönlich bedeutet das, unsere Stärken als Druckmanufaktur zu bewahren, gleichzeitig Technologieverständnis zu vertiefen und offen mit den Mitarbeitenden über Veränderungen zu sprechen. Digitalisierung begleite ich daher pragmatisch: klar geplant, vorsichtig abgewogen und immer mit Blick auf Nutzen statt auf Effizienz um jeden Preis.
Wie gelingt es Ihnen, technologische Innovationen und wirtschaftliche Prozesse so zu verzahnen, dass daraus echte Wettbewerbsvorteile entstehen – und keine überambitionierten Einzelprojekte ohne langfristige Wirkung?
Für uns gelingt diese Verzahnung, wenn jedes technologische Projekt zuerst auf seinen konkreten Nutzen für Kunden und Prozesse geprüft wird – nicht auf sein technisches Prestige. Wir starten häufig mit kleinen, überschaubaren Schritten, testen in der Praxis und skalieren nur, wenn sich messbare Verbesserungen zeigen. So entstehen echte Wettbewerbsvorteile aus erhöhter Effizienz, Flexibilität und Individualität – und nicht aus überambitionierten Einzelprojekten, die im Alltag nicht verankert sind.
Ein Beispiel dafür ist ein Produkt, das wir bei uns vom Standard zum Premium entwickelt haben. Es lässt sich optimal skalieren und vereint viele Vorteile der Digitalisierung in sich: standardisierte Prozesse, hohe Effizienz und zugleich viel Raum für individuelle Anpassungen. So entstehen echte Wettbewerbsvorteile – nicht aus technischem Hochglanz, sondern aus greifbarem Kundennutzen und wirtschaftlicher Umsetzbarkeit.
Welche Ratschläge würden Sie einer jungen Frau geben, die eine leitende Position in der Druckindustrie anstrebt?
Mein Rat an eine junge Frau, die eine leitende Position in der Druckindustrie anstrebt, wäre: Vertraue deinem eigenen Urteilsvermögen, bleibe neugierig und lerne die Branche von innen kennen – sowohl technisch als auch wirtschaftlich. Die Druckindustrie ist so spannend, kreativ und vielschichtig, dass sie tolle Möglichkeiten bietet, sich mit eigenen Ideen und mitgestaltend einzubringen. Wer Prozesse versteht, Menschen mitnimmt und gleichzeitig eine klare Linie verfolgt, kann viel bewegen. Wichtig ist, authentisch zu bleiben, sich bewusst Umfelder zu suchen, in denen man mit seiner Haltung und seinem Stil gut aufgehoben ist, und sich nicht zu scheuen, gelegentlich aus der Komfortzone herauszugehen – genau dort wächst man als Führungskraft am stärksten.

Sylvia Emilia Rost Vargas ist seit 2004 Geschäftsführerin der WOWI Druckkultur GmbH sowie Mitglied im Verband engagierter Unternehmer (VEU) Deutschland. In ihrer aktuellen Position verantwortet sie die strategische Leitung, die Realisierung anspruchsvoller Printprojekte und die Digitalisierung von Aufsichtsvorlagen. Ihr beruflicher Hintergrund stützt sich auf eine über vierzigjährige Erfahrung in der Druck- und Medienbranche, ergänzt durch Expertise in komplexen Veredelungsprozessen und operativer Unternehmensführung.
