„Niemand kauft ein Material – jeder kauft ein Gefühl“

Print-Frau Isabelle Roß über die digitale Zukunft der Druckbranche

Bohrmaschine in der Hand, Werkzeugkiste auf der Schulter – und dann die Kundenfrage, ob sie wirklich diejenige sei, die das Werbeschild montieren wolle. Für Isabelle Roß war dieser erste Kundenkontakt als Unternehmerin ein Schlüsselmoment. Er wirkt bis heute nach. Heute leitet sie den Bereich Werbetechnik in der Druckerei Rossimedia und verantwortet den Standort Brilon. Im Interview spricht sie darüber, wie sich ihr Blick auf Führung in einer lange männlich geprägten Branche gewandelt hat, welche Rolle Print in einer zunehmend digitalen Markenwelt spielt und warum sich das Geschäftsmodell von Druckdienstleistern grundlegend verschiebt. Eine Antwort dürfte manche überraschen – denn der Knackpunkt der digitalen Transformation liegt für sie nicht dort, wo andere es vermuten.

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Published: 30.6.26 | Photo / Video: rossimedia.de

In der Serie „Print-Frauen“ befragen wir weibliche Führungskräfte aus der Druckbranche zu ihren Ansichten zu ihrer Industrie und zu deren Innovationskraft. Lesen Sie auch die Interviews mit Sylvia Emilia Rost Vargas (WOWI Druckkultur), Janneke Klasen (Hans Schmidt Werbeverpackungen), Carolin Stäudle (Stäudle GmbH, Öhringen), Ute Brüne (OFFSET COMPANY Druckereigesellschaft) und Petra Krenn (Unternehmensgruppe O/D, Ottweiler/Saarland).

Wenn Sie Ihren Weg in Ihre heutige Führungsposition in einer einzigen Begebenheit oder Beobachtung verdichten müssten: Welche Szene fällt Ihnen ein?

Wenn ich meinen Weg in eine Führungsposition auf eine einzige Szene verdichten müsste, dann wäre es der Moment, als ich den Schritt in die Selbstständigkeit gegangen und mit einem kleinen Team von zwei Mitarbeitenden gestartet bin.

Bis dahin war mein Fokus vor allem auf die fachliche Arbeit gerichtet. Mit der Selbstständigkeit wurde mir jedoch schnell bewusst, dass unternehmerischer Erfolg weit mehr bedeutet als die eigene Leistung. Plötzlich ging es nicht mehr nur darum, Projekte umzusetzen, sondern Verantwortung zu übernehmen, Entscheidungen zu treffen und die Zukunft des Unternehmens aktiv zu gestalten.

Genau dieser Perspektivwechsel hat mich geprägt. Ich habe verstanden, dass Führung nicht bedeutet, alles selbst zu machen, sondern den Überblick zu behalten, Chancen zu erkennen und die richtigen Rahmenbedingungen für Wachstum zu schaffen.

Warum gerade diese Szene? Weil dort für mich der Übergang von der Fachkraft zur Unternehmerin und Führungskraft begann. Eine Erfahrung, die meinen Blick auf Verantwortung, Entwicklung und Zukunft bis heute prägt.

„Warum sollte ich das als Frau nicht können?“

Sie führen ein Unternehmen in einer Branche, deren Führungspersonal, Sprache und Netzwerke lange männlich geprägt waren. Wo spüren Sie diese Prägung im Alltag noch konkret?

Die Druckbranche, die Werbetechnik und auch das Handwerk sind nach wie vor Bereiche, die lange männlich geprägt waren. Das spürt man auch heute noch, beispielsweise bei Kundenterminen oder in größeren Gesprächsrunden, in denen oft zunächst davon ausgegangen wird, dass der fachliche Ansprechpartner oder die Führungskraft ein Mann ist.

Besonders in Erinnerung geblieben ist mir eine meiner ersten Montagen nach der Gründung meiner Selbstständigkeit. Ich kam mit meiner Bohrmaschine und dem Werkzeug auf die Baustelle und wurde tatsächlich gefragt, ob ich denn wirklich diejenige sei, die das Werbeschild montieren wolle.

Natürlich war ich das!

Damals hat mich das durchaus geärgert. Gleichzeitig hat es etwas in mir ausgelöst. Ich habe mir gedacht: Warum sollte ich das als Frau nicht können? Aus diesem Moment entstand eine Haltung, die mich bis heute begleitet: Jetzt erst recht. Nicht, weil ich jemandem etwas beweisen wollte, sondern weil ich an meine Fähigkeiten geglaubt habe und wusste, was ich leisten kann.

Meine Erfahrung ist, dass Vorurteile sehr schnell verschwinden, sobald Fachwissen, Kompetenz und Ergebnisse sichtbar werden. Deshalb war es für mich nie wichtig, als Frau in einer Männerdomäne wahrgenommen zu werden, sondern als kompetente Ansprechpartnerin. Umso mehr freue ich mich, dass heute immer mehr Frauen technische und führende Positionen übernehmen und damit ganz selbstverständlich zeigen, dass Können nichts mit dem Geschlecht zu tun hat.

Hat sich Ihr Blick auf Führung dadurch verändert, dass Sie sich in einer klassischen Männerdomäne durchsetzen mussten?

Ja, ich denke schon, dass mich diese Erfahrungen geprägt und meinen Blick auf Führung beeinflusst haben.

Gerade früher wurde oft sehr schnell entschieden: Jemand kann etwas oder eben nicht. Ich sehe das anders. Wenn jemand eine Aufgabe noch nie gemacht hat, wie soll er sie dann bereits perfekt beherrschen? Deshalb schaue ich genau hin, welche Stärken und Potenziale meine Mitarbeitenden und Auszubildenden mitbringen.

Natürlich gehört zur Führung auch, klare Erwartungen zu formulieren und offen anzusprechen, wenn etwas nicht gut läuft. Gleichzeitig bin ich überzeugt, dass Menschen nur dann wachsen können, wenn man ihnen Vertrauen schenkt und ihnen etwas zutraut. Wer nie die Chance bekommt, Verantwortung zu übernehmen, wird sich auch nicht weiterentwickeln.

Vielleicht hat mich gerade meine eigene Erfahrung in einer eher männlich geprägten Branche dafür sensibilisiert. Ich habe selbst erlebt, wie wichtig es ist, dass einem jemand etwas zutraut. Deshalb versuche ich heute, Mitarbeitende zu fördern, sie aus ihrer Komfortzone herauszuholen und ihnen die Möglichkeit zu geben, über sich hinauszuwachsen.

Welche Ratschläge würden Sie jungen Frauen geben, die heute eine leitende Position in der Druckindustrie anstreben?

Mein wichtigster Rat wäre: Lassen Sie sich nicht von Erwartungen oder Vorurteilen anderer einschränken. Wenn Sie Freude an der Branche haben, fachlich interessiert sind und Verantwortung übernehmen möchten, dann sollten Sie diesen Weg gehen.

Gerade die Druck- und Werbetechnikbranche befindet sich im Wandel. Die Digitalisierung schreitet immer weiter voran und gleichzeitig wird es zunehmend schwieriger, qualifizierte Fachkräfte zu finden. Umso wichtiger ist es, dass wir Menschen für diese Berufe begeistern und neue Perspektiven in die Branche bringen.

Ich bin überzeugt, dass Frauen hier eine wichtige Rolle spielen können. Sie bringen oft andere Sichtweisen, Herangehensweisen und Stärken mit, die Teams bereichern und Unternehmen weiterentwickeln. Genau diese Vielfalt wird in Zukunft immer wichtiger werden.

Mein Rat ist deshalb: Trauen Sie sich etwas zu, bleiben Sie neugierig und gehen Sie Ihren eigenen Weg. Fachwissen, Engagement und Persönlichkeit sind am Ende entscheidender als jedes Vorurteil. Die Branche braucht Menschen, die gestalten, Verantwortung übernehmen und die Zukunft aktiv mitentwickeln wollen – unabhängig vom Geschlecht.

„Print ist kein Gegenpol zur Digitalisierung, sondern eine wichtige Ergänzung“

Viele Brands haben viel Geld in digitale Kampagnen investiert. Welche Rolle kann Print in der Markenführung spielen? Wo sehen Sie Best Cases?

Digitale Kampagnen sind heute ein wichtiger Bestandteil der Markenkommunikation. Dennoch spielt Print für mich weiterhin eine entscheidende Rolle, weil Marken nicht nur online stattfinden.

Die Best Cases sehe ich immer dort, wo Marken über verschiedene Kanäle hinweg erlebbar werden. Ein Unternehmen kann online noch so präsent sein, aber erst, wenn der Kunde eine Anzeige in der Zeitung sieht, einen hochwertigen Flyer in der Hand hält, vor dem Firmengebäude steht, den Messestand besucht oder ein Fahrzeug auf der Straße sieht, entscheidet sich, ob die Marke professionell und glaubwürdig wirkt. Und das funktioniert nur mit Print und Werbetechnik.

Genau diese Kombination macht erfolgreiche Marken aus. Die Botschaft wird nicht nur digital ausgespielt, sondern begegnet dem Kunden an verschiedenen Kontaktpunkten immer wieder. Dadurch entstehen Wiedererkennung, Vertrauen und langfristig eine stärkere Markenbindung.

Print ist für mich deshalb kein Gegenpol zur Digitalisierung, sondern eine wichtige Ergänzung. Die stärksten Marken schaffen es, digitale und analoge Kommunikation so miteinander zu verbinden, dass daraus ein durchgängiges Markenerlebnis entsteht.

Wie überzeugen Sie eine Marketingleitung davon, dass Veredelung, Haptik und Materialwahl nicht nur auf die Ästhetik einzahlen, sondern messbar auf Markenwahrnehmung und Kundenerlebnis einzahlen?

Ich versuche dabei gar nicht, über Veredelungen oder Materialien zu sprechen, sondern über die Wirkung auf den Kunden. Denn am Ende kauft niemand eine besondere Oberfläche oder ein hochwertiges Material – er kauft das Gefühl, das damit vermittelt wird.

Menschen treffen viele Entscheidungen emotional. Die Haptik eines Materials, die Wertigkeit einer Verpackung oder die Qualität einer Werbebeilage beeinflussen ganz unbewusst, wie eine Marke wahrgenommen wird. Hochwertige Materialien schaffen Vertrauen, vermitteln Qualität und bleiben länger in Erinnerung.

Für mich sind Veredelung und Materialwahl deshalb kein Selbstzweck. Sie helfen dabei, Marken erlebbar zu machen und sorgen dafür, dass aus einem ersten Eindruck ein positives Kundenerlebnis wird.

In vielen Marketingabteilungen erodiert das Print-Know-how. Wie können Druckdienstleister die Lücke füllen und wie verändert das Ihr Geschäftsmodell?

Wir merken tatsächlich, dass viele Marketingabteilungen heute deutlich digitaler aufgestellt sind als noch vor einigen Jahren. Durch moderne Grafikprogramme, KI-Anwendungen und digitale Tools ist es einfacher denn je geworden, Entwürfe und Kampagnen selbst zu erstellen. Gleichzeitig geht dabei jedoch oft das Wissen über Materialien, Produktionsverfahren und die vielfältigen Möglichkeiten von Print- und Werbetechnik verloren.

Genau an dieser Stelle beginnt heute unser Geschäftsmodell. Unsere Aufgabe ist längst nicht mehr nur die Produktion eines Produkts. Wir beraten Kunden, zeigen Möglichkeiten auf, empfehlen Materialien, machen auf Chancen und Risiken aufmerksam und entwickeln gemeinsam die passende Lösung für das jeweilige Projekt.

Viele Kunden wissen, was sie erreichen möchten, kennen aber nicht die technischen oder gestalterischen Möglichkeiten dahinter. Hier bringen wir unsere Erfahrung ein und begleiten Projekte oft schon von der ersten Idee bis zur finalen Umsetzung.

Dadurch hat sich unser Geschäftsmodell in den vergangenen Jahren deutlich verändert. Der reine Produktionsauftrag tritt zunehmend in den Hintergrund. Viel wichtiger geworden sind Beratung, Konzeptentwicklung und die gemeinsame Lösungsfindung mit dem Kunden. Unsere Kunden erwarten heute nicht nur ein fertiges Produkt, sondern einen Partner, der sein Fachwissen einbringt, Orientierung gibt und dabei hilft, die beste Lösung für das jeweilige Ziel zu finden.

Innovation beginnt mit einer einzigen Frage

Was sind aus Ihrer Sicht die größten Fallstricke bei der digitalen Transformation – besonders in einer kapital- und maschinenintensiven Branche wie der Druckindustrie?

Der größte Fallstrick ist, zu glauben, dass Digitalisierung allein durch Technik entsteht. Die eigentliche Herausforderung sind die Prozesse und die Menschen dahinter.

Wie gelingt es Ihnen, technologische Innovationen und wirtschaftliche Prozesse so zu verzahnen, dass daraus echte Wettbewerbsvorteile für Ihr Unternehmen entstehen?

Für mich beginnt Innovation immer mit einer Frage: Welches Problem lösen wir damit? Nur weil etwas technisch möglich oder neu ist, bedeutet das noch nicht, dass es einen Mehrwert schafft.

Deshalb betrachten wir neue Technologien und Prozesse immer aus zwei Perspektiven: Welchen Nutzen hat der Kunde davon und welchen Mehrwert bringt es für unser Unternehmen? Erst wenn beides zusammenpasst, entsteht daraus ein nachhaltiger Wettbewerbsvorteil.

Neue Lösungen müssen in den Alltag integriert werden, von den Mitarbeitenden angenommen werden und Prozesse tatsächlich verbessern. Nur dann entfalten sie ihre Wirkung.

Unser Ziel ist deshalb nicht, möglichst viele neue Ideen umzusetzen, sondern die richtigen. Diejenigen, die unseren Kunden einen echten Mehrwert bieten und unser Unternehmen langfristig erfolgreicher machen.

Wenn Sie auf die kommenden Jahre blicken: Welche Fähigkeiten werden Druckunternehmen brauchen, um für Marken wirklich unverzichtbare Partner zu bleiben?

Ich bin überzeugt, dass Druckunternehmen in Zukunft deutlich mehr sein müssen als reine Produzenten. Die technische Umsetzung wird weiterhin wichtig bleiben, aber der eigentliche Mehrwert entsteht durch Beratung, Fachwissen und die Fähigkeit, gemeinsam mit dem Kunden die beste Lösung zu entwickeln und es dem Kunden einfach zu machen.

Gerade weil digitale Werkzeuge, KI und Automatisierung immer mehr Aufgaben übernehmen, wird die persönliche Beratung noch wichtiger. Kunden suchen Partner, die Möglichkeiten aufzeigen, Zusammenhänge verstehen und sie bei Entscheidungen unterstützen können.

Gleichzeitig werden Flexibilität, Innovationsbereitschaft und ein gutes Verständnis für Marken und deren Ziele immer wichtiger. Denn am Ende geht es nicht darum, ein Produkt zu verkaufen, sondern darum, Kunden dabei zu helfen, ihre Botschaften erfolgreich sichtbar zu machen.

Die Unternehmen, die technisches Know-how mit Beratungskompetenz und einem echten Verständnis für die Bedürfnisse ihrer Kunden verbinden, werden auch in Zukunft unverzichtbare Partner für Marken bleiben.

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Isabelle Roß (LinkedIn-Profilseite) leitet den Bereich Werbetechnik bei Rossimedia und verantwortet den Standort Brilon. Nach ihrer Ausbildung zur Schilder- und Lichtreklameherstellerin war sie mehrere Jahre selbstständig tätig und baute dabei ein eigenes Team auf. Seit 2022 bringt sie ihre Erfahrung in den Bereichen Werbetechnik, Druck und Kundenberatung bei Rossimedia ein. Neben der Leitung der Werbetechnik engagiert sie sich besonders für die Ausbildung und Entwicklung von Fachkräften. Ihr Fokus liegt auf praxisnahen Lösungen, Kundenorientierung und der Verbindung von handwerklichem Know-how mit modernen Technologien.