Vom Büchermachen und Verlegen

Die Prima.Buchwerkstatt im Portrait. Von Bettina Schulz

Hat das besondere Buch zwischen E-Reader und Desktop, Instagram und TikTok, digitalem Überfluss und Fast-Food-Literatur noch eine Chance? Prima.Publikationen tritt mit einem sorgfältig kuratierten Programm regelmäßig den Beweis dafür an.

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Published:  4.11.2026 | Photo / Video: Prima.Publikationen, Simon Malz

Mit ungewöhnlichen Themen und Textformen sowie einer konsequent hohen Herstellungsqualität hat sich längst eine Fangemeinde etabliert. Dennoch bleibt es ein unternehmerisches Wagnis, Bücher jenseits des Massengeschmacks zu verlegen. Mit der Prima.Buchwerkstatt geht Geschäftsführerin Christina Schmid gemeinsam mit ihrem Team einen neuen Weg, der mit einem gerade entstehenden Buchlabor seine Fortsetzung findet.

Bücher zu verlegen, die sonst womöglich nie in die Öffentlichkeit gelangen würden – dies ist der Gedanke hinter der Prima.Buchwerkstatt: „Eine Crowdfunding-Plattform für besondere Bücher, die trotz steigender Herstellungskosten und gekürzter Förderungen in die Welt kommen wollen”, erklärt Christina Schmid. Den Auftakt machten dabei kürzlich die „Formulierungen” der Tübinger Autorin Nina Lenz. „Ein wunderbar leiser und poetischer Text, der in der Gestaltung von Sophie Kraft zu einem besonderen Buchobjekt wird – und zum Schreiben einlädt”, so die Kulturpublizistin und Buchgestalterin. Dementsprechend zurückhaltend präsentieren sich die 256 Seiten als Freirückenbroschur, die zusammen mit einem Notizheft dank zahlreicher Vorbestellungen realisiert werden konnte. Und da die Formulierungen von Lenz eher an Fragmente erinnern, die sich ineinander verweben und zwischen Lyrik und Fließtext pendeln, wird auch das eigene Gedankenkarussell aktiviert. Hierfür wurde ein Notizheft konzipiert, das dank gelber Gummibandbindung nahtlos an die „Formulierungen” andockt.

„Sophie Kraft gibt den Texten ihre besondere Form, die Zeilen wie Landschaft, Berge, Wellen, Wolken über die Seiten verteilt. Bei so viel Weißraum ist das Papier zentraler Bestandteil der Gestaltung und Wirkung der Texte.”

Christina Schmid, Prima.Publikationen

ChristinaSchmid_copyright_Simon Malz

Wenn Material und Inhalt eine Einheit ergeben

Neben einer präzisen Herstellung spielt für Christina Schmid auch die Materialwahl der Publikationen eine wichtige Rolle. Inhalte und Haptik ergeben schließlich erst gemeinsam das Leseerlebnis. Für die „Formulierungen” setzt Caribic als zitronengelber Umschlag von Buch und Notizheft einen sanften Akzent, während im Inneren das 1,75-fach volumige Salzer EOS blauweiß mit seiner samtigen Oberfläche die poetische Natur taktil aufgreift. „Das Licht und Leuchten aus Ninas Texten führte zu diesem Umschlag in Zitronengelb”, erläutert Christina Schmid. Für ein gutes Aufschlagverhalten sorgt überdies die elegante Fadenbindung in Kombination mit dem Hohlrücken. 

Idee, Text, Material, Herstellung – all diese Bausteine tragen ebenso wie die feinfühlige Buchgestaltung von Sophie Kraft zu einem ganzheitlichen Werk bei, das dank Unterstützung neugieriger Leserinnen und Leser realisiert werden konnte.

Nina Lenz: Formulierungen. 256 Seiten, 11 × 18 cm, Fadenheftung, geprägter Umschlag, plus Notizheft mit 32 Seiten und gelbem Gummiband, 32 €, primapublikationen.com

Ein Ort für Enthusiasten

Besondere Bücher brauchen nicht nur gute Ideen und eine sorgfältige Herstellung, sondern auch Räume, Zeit und Gelegenheit zum Experimentieren. Mit dem Buchlabor im Brombeerschloss schafft Christina Schmid genau dafür einen Ort: eine Werkstatt für Prototypen, Unikate und kleine Editionen – und für Menschen, die Literatur, Gestaltung und Buchkunst weiterdenken möchten. Mitten in den aufwendigen Renovierungs- und Planungswochen sprachen wir mit ihr über dieses Projekt und ihre Zukunftspläne.

Eine Bücherwerkstatt zu realisieren, ist ein Mammutprojekt: Wie oft dachtest Du Dir: „Was habe ich mir nur angetan?”

Das denke ich vorwiegend in der Allesgleichzeitigkeit von Kita-Ferien, Antragsfristen und Renovierungsvorhaben … Unser Buchlabor im Brombeerschloss soll jedoch am 21. November 2026 mit einem Workshop von Lea Giesecke (Autorin von BuchBauKasten) eröffnen und bis dahin ist noch einiges zu tun. Wir stecken mitten im Prozess der Renovierung. „Ein Marathon, kein Sprint”, sagt mein hauseigener Architekt immer so schön, wenn mein Kopf wieder vorausgaloppiert. 

In den vergangenen Tagen war ich öfter in einer „echten" Buchbindewerkstatt, die über viele Jahrzehnte gewachsen ist und jetzt leider umziehen und sich stark verkleinern muss. Im Vergleich dazu wird unsere kleine Werkstatt wohl eher ein „Labor" für Prototypen, Unikate und kleine Editionen. Buchlabor passt deshalb gut – auch zur Geschichte des Raumes: Hier war 30 Jahre lang das Gewässerlabor des Vorbesitzers, eines Biologen. 

Alles auf einmal wird ohnehin kaum möglich sein, oder?

Wir fangen erst langsam an mit der Ausstattung der Werkstatt. Mit jedem Gast, Vorhaben oder Format darf sie dann weiterwachsen. Geplant ist auch ein Basissortiment an verschiedenen Papieren, aber auch das hat noch Zeit. Für den ersten Workshop verwenden wir die säuberlich verpackten Pakete an Papierresten, die wir aus der Buchbinderei übernehmen konnten: Formate, Grammaturen, Laufrichtungen geben schon Inspiration für experimentelle Buchobjekte. Hinter jedem Papierpaket steht bereits ein gebundenes Buch.

Welche Atmosphäre willst Du im Brombeerschloss erzeugen? 

Ich mag die Atmosphäre, die das alte Haus ohnehin mit sich bringt – die Zeitschichten aus 150 Jahren sind spürbar. Das Besondere sind hier die Blicke durch die vielen Fenster ins Grüne. Im Frühling hatten wir hier zwei Schreibworkshops im Haus und Garten. Das waren wunderbare Erfahrungen, die den Wunsch weckten, den Ort kollektiv und multiperspektivisch zu ergründen und weiterzuschreiben. 

Wie sieht Dein idealer Ort fürs Bücherschreiben aus?

Das kann mein Bett nach einem Traum sein, manchmal die Umkleidekabine nach dem Schwimmen oder, wie jetzt gerade, die Hängematte im Garten – während ich doch eigentlich Fenster lackieren wollte.

Die Renovierung erfolgt in Eigenregie und Ihr arbeitet alte Einrichtungsgegenstände auf – ist dies über das rein Handwerkliche hinaus auch ein Prozess der „Ideen-Manifestierung"? 

Es ist weniger ein Manifestieren als ein Kennenlernen und Reagieren auf das, was da ist. Wir renovieren Schritt für Schritt. Vor manchen Dingen schreckten wir zunächst zurück, wie beim Kitten der vielen alten Fenster – jetzt geht es doch gut. Wir lernen vieles beim Tun, das stärkt unser Selbstvertrauen, dieses alte Haus tatsächlich längerfristig zu begleiten. Wie bei jedem Altbau werden wohl immer wieder Maßnahmen nötig sein. 

Im  ganzen Haus standen Tische und Schränke. Ein paar davon verwenden wir weiter, denn alles, was wir nicht die vielen Treppen runter- oder hochtragen müssen, ist eine Erleichterung. Mit einem vorhandenen Küchenschränkchen zu arbeiten, schafft zudem eine andere Ästhetik, als eine kleine Küche komplett neu zu entwerfen. Ob es sich bewährt, wird sich in der Nutzung durch die ersten Gäste der Residency zeigen.

Ihr konntet auch einige Werkzeuge einer Buchbinderei übernehmen, die sich verkleinern musste. Welche stehen Euch nun für künftige Projekte zur Verfügung?

Wir haben eine kleine Stockpresse, einige Pressbretter mit schöner Patina, einen Leuchttisch, Buchschrauben und etwas Leinen übernommen. Die kleinen Werkzeuge für Workshops, wie Falzbeine, Ahlen, Cutter und Lineale, werden wir wohl neu anschaffen. Ein Freund besitzt einen elektrischen Stapelschneider, den ich ihm gerne abkaufen möchte. Und mir wurde ein Risodrucker angeboten. Nun müssen wir schauen, ob und wie wir alles gut in dem kleinen Raum unterbringen können.

Nun steht die Eröffnung des Buchlabors kurz bevor. Wann können die ersten Autorinnen und Autoren bei Euch Quartier beziehen?

Die erste Residency soll im April 2027 starten. Über die Sommermonate werden fünf Buchmenschen zu Gast sein, den Ort kennenlernen, die Werkstatt nutzen und mit ortsspezifischer Klanginstallation, Lesung, Performance oder in Workshops Einblicke in ihre Praxis zwischen Literatur und Buchkunst geben.

Wie kann man sich für die Residency bewerben? 

Nach dem ersten Testjahr 2027 soll die Residency im Herbst öffentlich ausgeschrieben werden. Wer informiert bleiben will, abonniert am besten den Prima-Newsletter oder folgt dem @brombeerschloss auf Instagram.

Besteht eine Möglichkeit, Euch zu unterstützen?

Die beste Möglichkeit ist eine Mitgliedschaft im Prima.Freundeskreis. Mit einem Jahresbeitrag von 60 Euro unterstützt man unsere Arbeit am schönen Buch und erhält jedes Jahr eine Publikation nach Wahl sowie eine Einladung zu einer besonderen Veranstaltung für den Freundeskreis. Zur Begrüßung gibt es außerdem eine Prima-Tasche. Auch jede Buchbestellung bei Prima.Publikationen hilft natürlich weiter. Für das Brombeerschloss ist darüber hinaus eine gemeinnützige Organisationsform geplant, die künftig auch Spenden ermöglichen soll.

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