Wann ist ein Buch ein Buch?

Christina Schmid und Ina Schneider loten mit „Offenes Buch“ die Grenzen des Buchs aus. Von Bettina Schulz

Ist ein Buch die Summe seiner Teile? Oder kann ein Buch auch fragmentarisch als Werk bestehen? Und wie kommt eigentlich eines zum anderen? Das spannende Projekt „Offenes Buch – Book to be“ lässt eintauchen in eine besondere Präsentation von Texten, Formen der Kommunikation und Weißraum: Ein kleiner Initialfunke führte hier vom Text über das Objekt zum Buch.

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Published:  4.11.2026 | Photo / Video: César Martins, Christina Schmid

„Offenes Buch“ ist eine stetige Entwicklung, die mit einem gemeinsamen Ausstellungsprojekt von Christina Schmid und Ina Schneider ihren Anfang nahm. Texte von Christina Schmid, die sie in dieser Zeit für ihren „Buchtraum“ im Projektraum Ito inszenierte, wurden zur Grundlage des sich Annäherns: 333 Fragen auf Kassenrolle, 200 Anfänge und Enden als Lose gerollt und 64 Buchträume an Nadeln. „Ich schickte Ina Schneider all meine Textfragmente als PDF zu und sie markierte darin die Zeilen, die zu ihr sprachen, orange“, erzählt Christina Schmid. Diese Satzfragmente wurden im Laufe des künstlerischen Dialogs zur Grundlage ihrer Ausstellung in der GEDOK-Galerie Stuttgart. Parallel dazu arbeiteten sie zu gemeinsamen Themen wie Papier, Faltung, Buch, Zeit, Ort und Veränderung.

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Das Buch – der Raum

Ihre Ausstellung konzipierten Christina Schmid und Ina Schneider als vielschichtigen Dialog zwischen Text, Material und Buchobjekt. Ein zentrales gestalterisches Element des Raums wurde die Farbe Orange: Leuchtende, auf orangenes Transparentpapier gedruckte Textzeilen verteilten sich über drei Wände und verliehen den fragmentarischen Inhalten eine starke Präsenz im Raum. So entstand ein begehbares Buch, das in seinen Einzelteilen lesbar war: „Es war keine Präsentation fertiger Arbeiten, sondern als Einblick in unseren Dialog über gestalterische Entscheidungen und Experimente konzipiert“, so Christina Schmid.

Dieses Konzept wurde schließlich für einen weiteren Buchraum verdichtet: Im einBuch.haus Berlin wurden die ursprünglichen Ausstellungsexponate in komprimierter Form im Zentrum des Galerieraums installiert. Die in der Stuttgarter Ausstellung ursprünglich über die gesamten Wände verstreuten orangenen Textfragmente finden sich hier als „Gedankenknäuel“ an der Wand wieder. Gegenüberliegend im Raum ein großes Wandregal mit 200 Büchern: Die Edition „Offenes Buch“ als Fokus der Ausstellung. So wird das zentrale Anliegen fortgesetzt – die Suche nach der passenden Form für Text, Material und Buch immer wieder neu auszuloten.

Offenes Buch – die Edition

Für das einBuch.haus entwickelten Christina Schmid und Ina Schneider ihr „Offenes Buch“ weiter zu einer Edition: eine Publikation, die sich mit Leben füllen kann. In einem intensiven Prozess über mehrere Monate entwickelten die beiden Künstlerinnen schließlich ein Buch, das ihren eigenen Ansprüchen an Material, Haptik und Funktion gerecht wird. Im Zentrum standen dabei Details wie ein gut beschreibbares Papier, ein angenehmes Aufschlagverhalten und eine zurückhaltende Gestaltung. „Wie wenig ist zu wenig?“ Es entstanden fast leere Bücher mit handgezeichneten Punktrastern und 100 unterschiedlichen Schutzumschlägen in einer Auflage von je zwei Stück. „Jede und jeder kann sich das Textfragment auswählen, das sie oder ihn anspricht“, erläutert Schmid. Jede Titelseite zeigt die orangefarbene Markierung aus dem PDF, aus der der jeweilige Buchtitel hervorging.

Um dem Charakter der 16 originalen, mit Bleistift gezeichneten Punktraster nahezukommen, wurden sie in grauer Sonderfarbe gedruckt. Als Innenpapier wurde das Pergraphica Natural Rough der IGEPA group gewählt. Eine offene Fadenheftung in passendem Hellgrau unterstreicht einmal mehr den prozesshaften, offenen Charakter des gesamten Projekts.

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Offenes Buch

Christina Schmid und Ina Schneider, Prima.Publikationen 2026, 224 Seiten mit handgezeichnetem Punktraster, offene Fadenheftung, Schutzumschlag mit individuellem Titel, je 2 Exemplare, von Hand nummeriert, 16 × 22 cm, ISBN 978-3-910868-13-7

Einige Exemplare des besonderen Notizbuches sind noch erhältlich.

Christina Schmid studierte Kommunikationsdesign und Kulturpublizistik. Sie arbeitet als Gestalterin, Künstlerin und Autorin in Stuttgart, seit 2018 führt sie den Verlag Prima.Publikationen. Ihre Bücher wurden von der Stiftung Buchkunst als Schönste Deutsche Bücher ausgezeichnet. Zu den Publikationen entwickelt sie performative Formate wie kulinarische Lesungen, eine Traumlesung im Bett oder literarische Spaziergänge.

www.christinaschmid.de

Ina Schneider studierte Freie Kunst an der École des Beaux Arts in Nîmes, Frankreich, und der School of Art, University of Manitoba in Winnipeg, Kanada. Sie lebt und arbeitet in Stuttgart. Ihr künstlerisches Interesse gilt spezifischen Orten und ihrer Veränderung in Zeit. Wegweisend für ihre künstlerische Entwicklung waren Arbeitsaufenthalte in Japan, Polen, Finnland, Kanada und Deutschland.

www.inaschneider.de

Prima.Publikationen poetisieren den Alltag und verdichten ihn zu Buchkunstwerken. Jedes Buch wird als Gesamtprojekt gedacht, mit künstlerischer Forschung und Vermittlungsformaten wie Ausstellungen, Interventionen im öffentlichen Raum oder performativen Lesungen. So entstehen Welten auf Papier und Austausch darüber hinaus.

www.primapublikationen.com

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